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Wann
und wie bist Du zum orientalischen Tanz gekommen?
Ich bin damit aufgewachsen. In Griechenland ist Bauchtanz ein sehr
verbreiteter Gesellschaftstanz. Wir nennen ihn Tsifteteli und wir
tanzen ihn Männer und Frauen zusammen. Wenn er allerdings als
Show-Tanz getanzt wird, wird er ausschließlich von Frauen
vorgeführt. Ich bin aber noch mehr als der Durchschnittsgrieche
damit konfrontiert worden, weil ich eine orientalische Griechin
bin. D.h. meine Großeltern mütterlicherseits (bei welchen
ich die ersten 5 Jahre meines Lebens gelebt habe), sind Griechen
aus der Türkei, vom Schwarzen Meer, und sie kamen 1925 wegen
des Bevölkerungsaustausches zwischen Griechenland und Türkei
nach Griechenland. Vor allem mein Opa, der Griechisch erst in Griechenland
lernte, hatte viel und gerne Tsifteteli getanzt. Aber unsere ganze
Familie hat immer viel getanzt, nicht nur Bauchtanz sondern auch
griechische Folklore und für uns war es eine Frage der Ehre,
ein guter Tänzer zu sein. Ich hatte mit ca. 15, in typischer
Teenager Manier, plötzlich keine Lust mehr gehabt in Festen
zu tanzen (ich rede nicht von Auftritten, sondern ganz normal miteinander),
und dann wurde ich von meinem Vater regelrecht dazu gezwungen, um
nicht die Ehre der Familie zu schädigen.
Hast
Du einen Künstlernamen und wenn ja, wie bist Du dazu gekommen?
Nur zur Hälfte. Mein richtiger Name ist Chryssanthi (Scharf
mit Nachnahmen - von meinem Mann), aber Sahar ist mein Künstlername.
So haben mich die Ägypter in einem ägyptischen Restaurant
in Stuttgart, wo ich fast 2 Jahre lang regelmäßig getanzt
hatte, getauft. Sie meinten "Sahar" (es bedeutet "Morgenröte"
oder "Morgenstern", je nach Land), würde ganz gut
zu mir passen. Ich glaube es auch, da ich öfters in den frühen
Morgenstunden noch wach bin (ich bin ein ausgesprochener Nachtmensch).
Gibt es jemanden, der Dich besonders beeinflußt
hat? Oder hattest Du ein Schlüsselerlebnis, das Dich besonders
geprägt hat?
Ich hatte ein Schlüsselerlebnis, dass mich zum arabischen Bauchtanz
geführt hat. Ich hatte 1984 ein Faschingsfest an meiner Uni
besucht und dort hatte eine arabische Live-Band gespielt. Ich war
seit meiner Kindheit verrückt nach Trommelklängen und
Rhythmus. In userer griechischen Musik spielt Rhythmus eine absolut
zentrale Rolle. Aber auf jenem Fest hörte ich zum ersten Mal
arabische Trommeln live. Das machte mich richtig an und ich begann,
wie eine Besessene zu tanzen. Ich fiel den Arabern, die um mich
herum tanzten sofort auf, und zwei packten mich an den Armen, banden
mir ein Tuch um die Hüfte und stellten mich auf die Bühne.
Ich sollte da oben tanzen. Das tat ich auch, aber ich wurde bald
müde, weil unsere griechische Art des Bauchtanzes nicht für
sehr schnelle Musikpassagen geeignet ist (es gibt z.B. keine Hüftschimmies;
Schulterschimmies schon.) Dann schaute ich die arabischen Frauen,
die mittanzten, an, und stellte fest, daß sie eine andere
Tanztechnick hatten, mit der sie ganz locker diese schnellen Passagen
tanzen konnten. So faßte ich den Endschluß, unbedingt
die arabische Technik zu lernen, um in der Lage zu sein, stundenlang
auf diese tolle Musik zu tanzen. Kurz darauf entdeckte ich, daß
es Bauchtanzkurse in der VHS in Heidelberg gab und das war der Eingang
in die Welt des Orientalischen Tanzes. Witzigerweise traff ich später
diese arabische Band wieder und arbeitete Jahre lang mit ihr zusammen.
Und diese Band war "Al Sharq" mit Ibrahim Abu Hassan und
Nayef Taha an den Trommeln. Und genau diese zwei Personen, sind
diejenigen, von denen ich das meiste über den Orientalischen
Tanz gelernt habe.
Was
bedeutet der orientalische Tanz für Dich?
Mein halbes Leben. Tanz an sich bedeutet sehr viel für mich.
Ich bin sehr glücklich, wenn ich tanze, egal was ich tanze.
Ich würde mich sogar als tanzsüchtig bezeichnen. Vielleicht
hängt es doch mit meiner Kindheit zusammen.
Was sind Deine Aktivitäten
in Sachen orientalischer Tanz?
Im Moment in erster Linie Unterricht und Auftritte in Restaurants
und bei privaten Festen. Ich hatte ca. 4 Jahre lang Pause gemacht
und ich bin wieder seit ein paar Monaten dabei, insofern habe ich
noch einiges vor.
Gibt es eine Tanzart, eine Musikrichtung,
die Du besonders magst oder hast Du ein Lieblingsaccessoire im Tanz?
Beim O.T. mag ich ganz deutlich den Raks Sharqi. Ich liebe die klassische
ägyptische Musik und, wenn ich darauf tanze, tanze ich Raks
Sharqi. Allerdings liebe ich als Griechin auch die griechische Bauchtanzmusik
und auch für die libanesische Musik schlägt mein Herz.
Trotzdem ist mein Markenzeichen, wenn ich auftrette, mein Schwerttanz.
Der passt wieder zu meiner Kämpfernatur und ich habe ihn schon
seit den Anfängen meiner Tanzlaufbahn gemacht. Ich benutze
auch schon immer nur ein einziges, echtes Schwert (abgestumpft natürlich),
das auf eine besondere Art zu mir gekommen ist.
Glaubst
Du, dass es im orientalischen Tanz neben der Technik und dem Gefühl
noch eine weitere, andere Ebene gibt - wie immer man diese bezeichnen
mag?
Ja, auf jeden Fall. Der Bauchtanz ist ein spiritueller Tanz, da
fließen ganz starke Energien. Ich erkenne das, je länger
ich mich damit beschäftige und mit dieser Ebene möchte
ich mich noch viel mehr auseinadersetzen. Die säkulere Ebene
des Tanzes interessiert mich immer weniger.
Tanzt Du eher choreographiert oder
lieber frei?
Ich tanze lieber frei. Die Improvisation und das Zusammenspiel zwischen
Musikern und Tänzerin (wenn man mit Live-Musik tanzt), ist
genau das, was die Faszination des O.T. ausmacht. Allerdings mache
ich eine sogenannte "Semichoreographie", wenn ich auf
einer Bühnenshow tanze.
Was
ist Dir in Deinem Unterricht wichtig? Was macht für Dich eine/n
gute/n Lehrer/in aus?
Mir ist am aller wichtigsten, daß meine Schülerinnen
Spaß und Freude haben. Natürlich will ich ihnen auch
meine Kenntnisse so gut und verständlich wie möglich weiter
vermitteln, aber sie sollten nie das Gefühl haben, überfordert
zu sein und genauso wenig sollten sie sich langweilen. Abgesehen
danvon möchte ich ihnen den Bauchtanz so vermitteln, daß
sie bald selbst frei tanzen können.
Wenn Du noch mal von vorne beginnen
und ganz am Anfang Deiner tänzerischen Laufbahn stehen würdest,
was würdest Du anders machen?
Interessanterweise ist diese Frage für mich nicht nur theoretisch.
Ich habe meine tänzerische Laufbahn 4 Jahre lang unterbrochen
und jetzt stehe ich wieder am Anfang. Es ist sicherlich nicht mehr
wie vor fast 20 Jahren, als ich blutige Anfängerin war, da
ich einigen Leuten immer noch ein Begriff bin und tänzerisch
sehr ausgereift, aber es ist trotzdem ein Neuanfang. Was ich jetzt
anders mache: a) Ich interessiere mich nicht mehr für das ganze
Konkurrenzgehabe der O.T.-Szene und ich habe definitiv alle Starallüren
abgelegt (ich bin früher leider in diese übliche Falle
getappt). Mir ist inzwischen völlig egal, ob ich als Vorprogramm,
oder als der Star des Abends auftrette. Ich möchte nur tanzen,
Spaß dabei haben und auch meinem Publikum Spaß machen.
b) Ich bin weniger kritisch anderen Tänzerinnen gegenüber.
Ich denke, jede Frau, die Bauchtanz macht, hat ihre Gründe
und ich gönne es ihr vom ganzen Herzen, egal ob sie perfekt
oder weniger perfekt ist. c) Ich möchte mich viel mehr mit
der spirituellen Ebene dieses Tanzes beschäftigen. Deswegen
nenne ich ihn öfter "Bauchtanz" als "Orientalischen
Tanz", weil ersteres universeller ist und der Natur dieses
Tanzes entspricht. Nur wenn man mit dem "Bauch" (auf allen
Ebenen der Bedeutung dieses Wortes) tanzt, tanzt man wirklich.
Dein Motto?
Glücksmomente erzeugen und Farbe ins Graue bringen.
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